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Niemals geht man so ganz

Eigentlich gibt drei eiserne Regeln für Fahrtensegler:

Go Small,
(Nimm ein kleines Boot!)
Go Simple,
(Nimm ein einfaches Boot!)
Go Now!
(Warte nicht, bis alles fertig ist – sonst fährst Du nie.)

Eigentlich wollten wir das genau so halten. Aber da wir unsere Covid-19-Impfung frühestens im Sommer erhalten werden, wird es dieses Jahr wohl wieder nichts mit dem Start zum großen Törn. Wenigstens sind wir der Küste bald ein bisschen näher – und können hoffentlich weiter am Boot schrauben. Mehr dazu demnächst an dieser Stelle. Bleibt negativ!

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Sommertörn auf der Nordsee

Die erhoffte große Fahrt muss leider noch warten, aber wenigstens konnten wir im August zwei Wochen lang mit Luna den Sommer auf der Nordsee genießen. Startpunkt unseres Sommertörns, bei dem uns Lisa und Franzi begleiteten, war Lunas Sommerliegeplatz im neuen Hafen von Bremerhaven. Da wir mit dem ablaufenden Morgenhochwasser auf die Nordsee fahren wollten, ging es am Montagmorgen schon um kurz vor sechs Uhr in die Schleuse. Der Lohn für das frühe Aufstehen: ein traumhafter Sonnenaufgang auf der Weser. Endlich Urlaub!

Sonnenaufgang in Bremerhaven
Nach der Ausfahrt aus der Schleuse in Bremerhaven zeigt sich uns ein toller Sonnenaufgang.

Der anschließende Weg nach Helgoland war lang, aber für den ersten längeren Schlag der Saison erstaunlich unspektakulär. Die ersten Seemeilen im Fahrwasser der Alten Weser fuhren wir noch mit „Dieselwind“. Später konnten wir dann aber die Segel setzen. Der achterliche Wind schob uns Seemeile um Seemeile gen Helgoland, ohne dass wir auch nur ein einziges Manöver fahren mussten – Kaffeesegeln at it’s best. So ließ es sich aushalten und es war halb so tragisch, dass wir erst gegen 18 Uhr im Helgoländer Südhafen festmachten – fast zwölf Stunden nach der morgendlichen Abfahrt. Für die Rund-Helgoland-Regatta brauchen wir uns mit dem Tempo nicht anzumelden, aber was soll’s – der Weg war das Ziel, und wir hatten frei.

An den folgenden beiden Tagen verleitete uns das sommerliche Wetter mit eher schwachen Winden dazu, Helgoland zu erkunden. Neben dem klassischen Inselrundgang, der schnell erledigt ist, stand diesmal auch ein Besuch der Düne inklusive Baden und am Strand liegen auf dem Programm. Die Abende nutzten wir zudem zum Bestaunen der Perseiden. Auch, wenn Franzi es auf magische Weise schaffte, das erste Dutzend Sternschnuppen zu verpassen, ging am Ende niemand leer aus.

Am Donnerstag fuhren wir weiter – und ließen uns von unseren Liegeplatznachbarn zu der gnadenlos blödsinnigen Idee überreden, ausgerechnet Amrum anzusteuern. Zitat: „Bei Südost-Wind ist das ein 1A-Anlieger!“. Andi merkte zurecht an, dass das vom Wind her knapp werden könnte – aber von der Revierkenntnis unserer Nachbarn beeindruckt, ließen wir uns darauf ein. Es kam, wie es kommen musste: Kaum hatten wir den Vorhafen verlassen, drehten unsere Nachbarn wegen technischer Probleme ab. Wir aber mussten an der Südtonne feststellen, dass der Weg nach Amrum selbst auf Amwind kaum zu schaffen war.

Luna südlich von Helgoland
Auf der Fahrt nach Amrum lassen wir Helgoland hinter uns.

Mit knalldicht geholten Segeln und etwas Dieselhilfe (aber psssst!) schafften wir es trotzdem. Vor dem Rütergat hatten wir großen Respekt: Hier zwängen sich die Gezeiten durch einen engen Trichter wie die Schnapskäufer auf dem Helgoländer Börteboot-Anleger: Dem ein oder anderen wird da schonmal schlecht. Hat aber alles geklappt, sodass wir mit dem letzten Abendrot auf Amrum ankamen. Das Anlegen gestaltete sich mangels eines geeigneten Liegeplatzes noch als ziemlich chaotisch, denn der kleine Hafen war ziemlich voll und das Wasser lief schon wieder ab. Wir waren froh, als wir endlich in die Kojen fallen konnten.

In einem Punkt hatten unsere Helgoländer Nachbarn, die uns den Amrum-Floh ins Ohr gesetzt hatten, aber Recht: Die Insel ist wunderschön. Noch dazu gab es Sommerwetter pur. Wir erkundeten die Insel zu Fuß, badeten am meilenlangen Kniepsand und warfen abends noch den Grill an. Am Samstag ging es auf die Hallig Hooge. Da es dort für Luna dort doch etwas flach geworden wäre, fuhren wir dann doch lieber mit der Fähre. Vor Ort wanderten wir dann über die Hallig und genossen die Fernsicht.

Strand und Dünen auf Amrum
Beim Aufenthalt auf Amrum erkunden wir den kilometerlangen Sandstrand und die angrenzenden Dünen.

Am Sonntag war dann eine Entscheidung fällig: wohin als nächstes? Da die Wetteraussichten das Ende der langen Ostwindphase ankündigten, fiel die Wahl schließlich auf Ostfriesland. Von dort aus wäre eine Rückfahrt nach Bremerhaven auch bei Wind aus westlichen Richtungen problemlos möglich. Der Wind war als schwach und später leicht zunehmend angekündigt, einem längeren Schlag inklusive Nachtfahrt stand also nichts im Wege. Wenn da nicht die Gefahr von Gewittern in den Abendstunden gewesen wäre. So bezogen wir als Ausweichhafen Helgoland in unsere Planungen ein. Besser so. Nachdem wir auf Amrum abgelegt hatten, konnten wir zwar segeln. Am Abend zeichnete sich dann aber am südlichen Horizont das erwartete Wetterleuchten ab. Statt hinein zu segeln, fiel die Wahl einmal mehr auf Helgoland. An der Insel führt auf der Nordsee nun mal kaum ein Weg vorbei. Die Bunte Kuh freut’s.

Weil es auch am nächsten Tag starken Wind, Regen und Gewitter gab, blieben wir noch einen Tag länger auf dem Felsen. Wir nutzten die Pause zum Schreiben von Ansichtskarten und zum Einkaufen. Zudem diskutierten wir ausgiebig die Optionen für die kommenden Tage: Wir blätterten in Törnführern, wälzten die Seekarten und Tidenkalender. Norderney, Spiekeroog, Cuxhaven – wir diskutierten sämtliche Optionen und verwarfen die meisten dann doch wieder. Letztlich fiel die Wahl auf Hooksiel.

Natürlich bedeutete das wieder frühes Aufstehen. Wenigstens waren wir nicht die einzige Crew, die morgens um vier aus dem Päckchen startete. Kurz nach der Ausfahrt aus dem Südhafen setzten wir bei beginnender Morgendämmerung die Segel und fuhren in Richtung Jademündung. Zwischendurch drehte der Wind zwar zu unseren Ungunsten, aber wir erreichten die Schleuse dennoch auf die Minute zur 14-Uhr-Schleusung. Anschließend folgte eine entspannte Fahrt über das Hooksmeer und das Hooksieler Binnentief – immer mit einem skeptischen Auge aufs Lot. Vorbei an mehreren Marinas und Stand-Up-Paddlern gelangten wir in den Alten Hafen von Hooksiel. Ein ziemlich verrückter Anblick.

Grasende Schafe am Hooksieler Binnentief
Schafe grasen am Ufer des Hooksieler Binnentiefs, als wir mit Luna in Richtung Hooksiel fahren.

Den Rest des Montags erkundeten wir die nähere Umgebung. Lisa und Micha machten sich zwecks Dusche zudem mit unserem Bananenboot „Lunette“ auf den Weg zur nächsten Marina. Tags darauf unternahmen wir den sportlichsten Ausflug des Urlaubs: eine Radtour mit Leihrädern ins gut 13 Kilometer entfernte Jever. Dort besuchten wir natürlich auch einen Biergarten. Der gehörte allerdings nicht zur gleichnamigen Biermarke, sondern zu einer kleinen Brauerei. Und das Bier dort war noch dazu ziemlich lecker.

Während wir in Hooksiel lagen, zeichnete sich mehr und mehr ab, dass sich das Wetter und insbesondere der Wind zum Ende der Woche hin deutlich verschlechtern sollten. Deshalb planten wir, spätestens Freitagmorgen wieder in Bremerhaven festzumachen. Am Donnerstagmittag verließen wir Hooksiel unter den Blicken zahlreicher Restaurantgäste.

Luna im Alten Hafen Hooksiel
Luna liegt sicher im Alten Hafen in Hooksiel.

Nach der Ausfahrt aus der Schleuse war unser Ziel bereits in Sicht: Bremerhaven kündigte sich mit seinen Containerbrücken am östlichen Horizont an. Aber wie das eben so ist auf der Nordsee: die Wasserfläche zwischen uns und dem Ziel war trügerisch. Selbst bei Springhochwasser wäre es dort für Luna zu flach. So blieb uns nichts anderes übrig, als zunächst nach Norden abzudrehen – erst die Jade hinunter, dann die Weser hinauf.

So legten wir statt den 15 Seemeilen direktem Weg gut 45 zurück, bis wir auf der Weser in Höhe der Containerbrücken waren. Zu dem Zeitpunkt war es bereits weit nach Mitternacht und wir hatten auf der langen Fahrt einen atemberaubenden Sonnenuntergang an der Wesermündung sowie viele Stunden Wetterleuchten am westlichen Horizont beobachtet. Von Gewittern blieben wir aber zum Glück verschont. Nur ein Regenschauer erwischte uns dann doch noch – wie es sich gehört, kurz vor dem Anlegen.

Am Freitag unternahmen wir dann noch einen letzten kleinen Segelausflug – allerdings nicht mit Luna, sondern mit „Lunette“ im Hafenbecken. Nicht nur wir hatten viel zu lachen, sondern auch zahlreiche Passanten. Dabei ist doch eigentlich völlig schnuppe, ob man mit einem großen Boot segelt oder mit einem kleinen, und ob man lange oder kurze Schläge macht: Hauptsache, man kommt aufs Wasser und hat Spaß dabei.

Lunette im Neuen Hafen Bremerhaven
Franzi und Micha segeln mit Lunette im Becken des Neuen Hafens von Bremerhaven
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Zurück auf Los

Als wir unsere Segelpläne geschmiedet haben, haben wir uns viele Gedanken gemacht – auch über Dinge, die schiefgehen können. Wir wissen jetzt, wie man Schweinshaxen zusammentackert, Bleche schweißt oder Lecks abdichtet. Nur eines haben wir leider nicht bedacht: dass uns ein Virus die Tour vermasselt. Den Start unseres Törns haben wir deshalb verschoben. Wir hoffen, dass wir im kommenden Jahr ablegen können. Bis dahin freuen wir uns, von euch zu hören – die Kommentarspalte ist geöffnet. Bleibt gesund!

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Langsam wird’s ernst

Unsere Jobs sind gekündigt, der Auszug geplant, und auch die ersten Einladungen für die Abschiedsfeier sind raus: Langsam wird’s ernst. In einem halben Jahr wollen wir auf Langfahrt gehen, und obwohl wir fleißig unsere To-Do-Liste abarbeiten, kommen immer neue Punkte dazu. Wahrscheinlich wird die Lage erst besser, wenn wir endlich die Leinen loswerfen – doch bis dahin bleibt noch so viel zu tun.

Andi schlägt sich mit dem Telefonhörer durch den Paragrafendschungel: Wie erklärt man den Ämtern, dass man Deutschland für mehrere Jahre den Rücken kehren möchte? Kann man freiwillig in der Rentenversicherung bleiben – und falls ja, lohnt sich das überhaupt? (Wir freuen uns über sachdienliche Hinweise in den Kommentaren). Für Aussteiger auf Zeit gibt es zwar eine Fülle von Ratgebern, aber am Ende bleibt stets die Sorge, doch einen wichtigen Punkt vergessen zu haben, der die ganze Reise gefährden könnte.

Unterdessen paukt Michael für das „Long Range Certificate“ – das ist ein Funkzeugnis für Kurzwellenfunkgeräte. Außerdem lässt er sich in einem Abendkurs erklären, wie man Metall schweißen, schneiden und löchern kann. Das alles wollen wir Luna zwar ungern antun. Aber wer weiß schon, ob wir unsere neuen Fähigkeiten nicht doch irgendwann brauchen.

” Wer würde schon seinen sicheren Job aufgeben, um stattdessen mit einem Boot ins Blaue zu fahren?”

Überhaupt kann man gar nicht genug vorbereitet sein: Den Erste-Hilfe-Kurs haben wir schon hinter uns (Bericht folgt), das Überlebenstraining auf See bei der Marine steht noch an. Natürlich gibt es am Boot auch noch viel zu tun (mehr dazu demnächst), aber langsam dämmert uns, dass unser Plan tatsächlich Realität werden kann.

Mut machen die Reaktionen von Freunden und Kollegen. Wir hätten damit gerechnet, für verrückt erklärt zu werden: Wer würde schon seinen sicheren Job aufgeben, um stattdessen mit einem Boot ins Blaue zu fahren?

Tatsächlich reagieren die meisten Menschen erstaunlich positiv, wenn sie von unserer Reise erfahren. Mit den Fragen unserer Freunde könnte man schon eine ganze Sektion auf dieser Webseite bestreiten: „Wie lang seid ihr unterwegs?“, „Wie geht ihr auf hoher See aufs Klo?“ oder „Habt ihr keine Angst vor Riesen-Oktopussen?“. Es hilft nichts: Wir brauchen wohl eine Q&A-Sektion – noch so ein Punkt für die To-Do-Liste!

Natürlich gibt es auch Leute, die ehrlich sagen, dass sie mit unserer Idee überhaupt nichts anfangen können. Mehr überrascht hat uns aber ein anderer Satz, der erstaunlich oft fällt, wenn wir von unserem Vorhaben erzählen. Vorgestern ist es wieder passiert, beim letzten Bier, kurz vor dem Abschied. Er lautet: „Was ihr macht, würde ich auch gerne machen.“

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Neue Heimat Bremerhaven

Geschafft: Am 30. August gegen 19 Uhr haben wir Bremerhaven erreicht – rechtzeitig vor einem Tiefdruckgebiet, das uns auf den Fersen war. Hier wird Luna überwintern, bevor wir im nächsten Jahr wieder auf Tour gehen wollen.

Die Bilanz unserer dreiwöchigen Reise: 708 Seemeilen im Kielwasser, viele neue Erfahrungen und eine lange Liste von Aufgaben für die dunklen Wintermonate, bevor wir mit Luna auf Langfahrt gehen. Demnächst mehr dazu – bleibt uns treu!

Von Fehmarn nach Bremerhaven: Lunas Route in ihre neue Heimat
Von Ost nach West: Die Route unseres Überführungstörns.
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Von Göteborg nach Esbjerg

Die zweite Etappe unserer Jungfernfahrt mit Luna führte uns durch malerische Schären, über das stürmische Kattegatt und durch einen verschlafenen Fjord. Ein Abenteuer mit Flaute, Starkwind, Nebel und sogar einem Feuerlöschereinsatz – da soll noch einer sagen, das Segeln sei ein Altherrensport! Keine Sorge: Der Feuerlöscher hat funktioniert und wir sind gut angekommen.

Doch der Reihe nach: Nachdem wir uns in Göteborg schweren Herzens von unserer Freundin Ange verabschiedet haben, bleibt uns bis zur Ankunft unserer neuen Gäste noch etwas Zeit. Wir nutzen sie für Sightseeing in der Stadt und zum Abarbeiten unserer To-Do-Liste. Außerdem genießen wir die Vorzüge des royalen schwedischen Yachtclubs. Denn wie es sich für einen königlichen Segelverein gehört, gibt es dort natürlich eine Sauna, und die steht auch Gästen offen.

Der Aufguss auf Luna verläuft dagegen weniger erfreulich. Ein Punkt auf unserer To-Do-Liste ist nämlich die Reparatur unseres Petroleumkochers der Marke Optimus, den wir von Lunas Voreignerinnen übernommen haben. Die Bedienung ist eine kleine Wissenschaft für sich. Zuerst baut man mit einer Handpumpe in einem Petroleumtank einen Überdruck auf. Bevor man das Petroleum entzünden kann, muss man den Brenner mit Spiritus vorheizen, wobei es auf das richtige Timing ankommt.

In der ersten Woche hat das Ganze noch leidlich geklappt, doch dann will einer der beiden Brenner seinem Namen partout nicht gerecht werden. Stattdessen beglückt er uns mit qualmendem Eau-de-Petroleum. So können wir nur eine der beiden Flammen benutzen.

Doch wer will sich schon zwei Wochen lang von One-Pot-Pasta ernähren? Also versuchen wir uns an der Reparatur. Die gute Nachricht: Es brennt. Die schlechte: Das Feuer kommt nicht aus dem Brenner, sondern aus dem Kocher selbst. An einer undichten Verbindung lodert eine kleine, qualmende Petroleumflame. Um Schlimmeres zu verhindern, entschließen wir uns zum beherzten Einsatz unseres CO2-Feuerlöschers. Glück gehabt: Außer dem Herd geht nichts kaputt, niemand ist verletzt. Aber unsere To-Do-Liste ist schon wieder länger geworden:

  • Neuen Herd auftreiben
  • Herausfinden, was „Guten Tag, führen Sie auch CO2-Feuerlöscher in Ihrem Sortiment?“ auf Schwedisch heißt.

Dank der Hilfe unserer Freunde Franzi und Martin, die in Göteborg neu an Bord kommen, meistern wir auch diese Herausforderungen schnell. Unser Feuerlöscher kann jetzt schwedisch und auf dem Rest der Reise wird uns ein Spirituskocher für den Campingbedarf gute Dienste leisten. Mit einiger Verspätung können wir dann am Dienstag endlich die Leinen loswerfen – und werden mit traumhaftem Schärensegeln belohnt. Vorbei an Fähren und diversen Maersk-Frachtern machen wir uns auf den Weg nach Norden.

Die Schären sind tausende kleiner Felsinseln, die Schweden diversen Eiszeiten zu verdanken hat. Die Gegend ist ein Paradies für Segler, denn zwischen den kargen Felsen kann man unzählige Fahrwasser, einsame Buchten und wunderschöne Naturhäfen entdecken. Und so gleiten wir mit Luna durch enge Kanäle nach Norden bis ins Seglermekka Marstrand, einer hübschen Kleinstadt mitten in den Schären. Dort klettern wir auf Felsen, besichtigten eine alte Festung und lassen uns mit schwedischen Waffeln verköstigen. Bullerbü lässt grüßen.

Ein typisches Schärenfahrwasser. Echte Schweden wären hier gesegelt.

Doch schon am nächsten Tag ist es mit dem Urlaubsfeeling vorbei. Der Wetterbericht meldet weiter Westwind. Nur für einen Tag soll der Wind kurz auf Süd-Südwest drehen. Wir wollen das Zeitfenster nutzen, um den Sprung zurück über das Kattegat nach Skagen zu wagen. Dazu müssen wir mit Luna hart an den Wind. Zudem hat sich eine ansehnliche Welle aufgebaut. Was an eine alte Seglerweisheit erinnert: Gentlemen segeln nicht gegen den Wind.

Besonders steile Wellen quittiert die Schiffsglocke mit einem „Kling“. Sie läutet oft an diesem Tag.

Statt eines Smokings sind für uns dann auch eher Ölzeug und Südwester angesagt, und das Segelsetzen auf dem Vorschiff fühlt sich wie ein Besuch im Trampolinpark an. Mit der Welle geht es steil nach oben, dann folgt ein Sekundenbruchteil der Schwerelosigkeit. Anschließend kracht der Bug so tief ins Wasser, dass man darin die erschreckten Quallen zählen kann. Besonders steile Wellen quittiert die Schiffsglocke mit einem „Kling“. Sie läutet oft an diesem Tag.

Meile für Meile arbeiteten wir uns durch die Schären auf die offene See, kämpfen um jedes Grad an Höhe. Luna nimmt die Sache gelassen, aber Teile der Crew verfallen in Lethargie, wollen nicht einmal einen Cracker essen. Gerade, als wir uns fragen, ob wir die einzigen Verrückten sind, die sich bei diesem Wetter aus dem Hafen trauen, werden wir von einem kleinen Motorboot überholt, das noch stärker durchgeschüttelt wird als wir. Immerhin: Die haben es schnell hinter sich.

Wir kämpfen uns weiter nach Westen vor – und schaffen es direkt nach Skagen, ohne eine einzige Wende fahren zu müssen. Nach einigen Ehrenrunden auf der Suche nach einem Liegeplatz machten wir in der Nähe der Tankstelle fest. Endlich geschafft!

Der Hafen von Skagen: Es riecht nach Fisch.

An Skagen scheiden sich die Geister: Kritiker behaupten, die Stadt sei hässlich und stinke nach Fisch. Wir sind dagegen große Fans, weil Skagen eben ein echter Hafen ist – mit lärmenden Werften, ehrlichen Fischbrötchen und fragwürdigen Spielunken. Und jeder Menge betrunkener Norweger, die bis tief in die Nacht feiern. Uns stört es nicht: Wir fallen nach der langen Überfahrt in einen tiefen Schlaf.

Beim Frühstück steht eine schwierige Entscheidung an: Wollen wir an unserem ursprünglichen Plan festhalten, durch das Skagerrak auf die Nordsee zu segeln – oder nehmen wir doch die einfachere Route durch den Limfjord? Wir entscheiden uns für die zweite Option.

Das liegt nicht nur am Wetterbericht und dem Seegang, sondern auch an unseren Plänen. Denn natürlich sind wir später dran als geplant und zudem müssen wir Franzi spätestens am Montag in einer Stadt absetzen, von der sie die Heimfahrt nach München antreten kann. Mit dem Segelboot an einem bestimmten Tag an einem bestimmten Ort sein zu müssen ist selten ein glückliches Vorhaben.

Leuchtturm von Skagen
Der Leuchtturm von Skagen, genannt “Det Grå Fyr”.

Doch die Abfahrt schieben wir erstmal auf. Weil der Wind weiter kräftig pfeift, spazieren wir zum Grenen – das ist der nördlichste Punkt Dänemarks, wo Nord- und Ostsee aufeinandertreffen. Heute sieht das aus wie bei „King Kong gegen Godzilla“ – kaum zu glauben, dass wir gestern nur einige Seemeilen entfernt vorbeigefahren sind.

Wir warten also lieber noch ein bisschen, bis sich das Wetter beruhigt hat. Am Nachmittag brechen wir dann für einen kurzen Schlag unter Landabdeckung nach Süden bis nach Saeby auf. Dabei mogeln wir uns an dutzenden Tankschiffen vorbei, die vor Skagen auf Reede liegen. Der Wind schwächt sich zunehmend ab, dazu gibt es einen malerischen Sonnenuntergang. Für Franzi und Martin wird es die erste Ansteuerung bei Nacht – und beide meistern das Abenteuer vorbildlich.

Leider bleibt uns kaum Zeit, um den Hafen und das kleine Örtchen zu erkunden, denn wir müssen frühmorgens schon wieder los. Der Wetterbericht meldet Flaute und Nebel, und tatsächlich dauert es nicht lange, bis Luna von einem grauen Schleier verhüllt wird. Noch eine Premiere für Franzi und Martin.

Wer schonmal im Herbst auf einer Landstraße gefahren ist, kennt das Problem: Bei richtig dicker Suppe erkennt man kaum noch den nächsten Pfosten am Straßenrand. Mit einem Schiff auf offener See ist die Sache noch ein bisschen schwieriger, denn eine Straße gibt es hier nicht – was bedeutet, dass einem aus jeder Richtung Schiffe entgegenkommen können.

Für uns heißt das: Showtime. Wir fahren nach Radar, mit dem sich andere Schiffe und Seezeichen ausmachen lassen – vorausgesetzt, man dreht an den richtigen Knöpfen. Der Rest der Crew hält Ausguck. Es dauert nicht lange, bis wir den ersten Kontakt identifizieren. Und tatsächlich gleitet kurz darauf das erste Segelboot in sicherer Entfernung an uns vorbei.

Der Spuk dauert nur einige Stunden, dann lichtet sich der Nebel so schnell, wie er gekommen ist. Am Mittag erreichen wir die Einfahrt in den Limfjord, eine natürliche Verbindung zwischen Ost- und Nordsee entlang der dänischen Insel Jütland.

Wer jetzt einen norwegischen Fjord mit spektakulären Felswänden erwartet, könnte enttäuscht werden. Der Limfjord wirkt eher wie ein verschlafener Fluss, der sich an Ackerland entlang durchs Land schlängelt. Links und rechts wird das Wasser so schnell flach, dass man – gute Gummistiefel vorausgesetzt – wohl auch zu Fuß gehen könnte. Wir bleiben lieber im Fahrwasser. Am Nachmittag passieren wir die Stadt Aalborg mit ihren beiden Klappbrücken, bevor wir im letzten Tageslicht in einer Bucht den Anker fallen lassen. Über uns leuchten die Sterne.

Flaute im Limfjord: Ein Hochdruckgebiet beschert uns spiegelglattes Wasser.

Am nächsten Tag müssen wir uns von Franzi verabschieden, die per Anhalter die Heimreise nach Süden antreten möchte. Gegen den Trennungsschmerz gibt es Softeis. Und während wir weiter in Schrittgeschwindigkeit durch den Fjord motoren, hat Franzi die deutsche Grenze dank freundlicher Dänen schon nach wenigen Stunden erreicht.

Wir legen dagegen eine Extraschicht ein. Wir wollen endlich wieder aufs Meer, doch der Limfjord zieht sich in scheinbar endlosen Kurven. Am Abend schaffen wir es mit der letzten Brückenöffnung bis an das Westende des Fjords. Die Nacht wollen wir in Lemvig verbringen, doch vorher steht eine Herausforderung an: Wie findet man in der Dunkelheit durch flaches Wasser in einen Hafen, den man nicht kennt?

Mit etwas Vorbereitung und einer guten Seekarte ist auch das kein Problem. Es macht sogar Spaß. Erschöpft, aber auch ein bisschen stolz, machen wir in Lemvig fest.

Am nächsten Tag geht es endlich hinaus auf die Nordsee, die sich von ihrer milden Seite zeigt: Statt Westwind ist eine leichte Brise angesagt, Mittags schläft der Wind dann ganz ein. Es ist ein typischer Augusttag mit bestem Badewetter, aber an Segeln ist nicht zu denken. Also muss wieder der Diesel ran.

Wenig Wind, kaum Welle: Die Nordsee zeigt sich vor Jütland gnädig.

Der Frust darüber hält sich in Grenzen. Wir genießen den Sonnenuntergang aus der ersten Reihe. Und als die Sonne ganz hinter dem Horizont verschwunden ist, geschieht etwas Magisches: Rund um Luna beginnt das Wasser, in grün-blauen Farben zu leuchten. Ja, es waren chemische Substanzen im Spiel – aber nicht an Bord von Luna, sondern im Wasser.

Die Lichtshow haben wir Dinoflagellaten zu verdanken. Das sind Einzeller, die sich an warmen Sommernächten auch in der Nordsee anhäufen. Auf Anregung reagieren sie mit einem grün-blauen Leuchten. Wie toll das aussieht, lässt sich unmöglich beschreiben, aber vielleicht ist das einer der schönsten Momente unserer Reise: Über uns Leuchten die Sterne, hinter uns ziehen wir eine kleine Leuchtspur durch das Wasser. Und kein anderes Boot weit und breit.

Weniger malerisch gestaltet sich die Ankunft in Esbjerg, einem Industriehafen im Südwesten von Jütland. An einer Bohrinsel vorbei, die offenbar gerade repariert wird, fahren wir in den Yachthafen – oder eher dorthin, wo sich der Yachthafen laut unserer Seekarte und unserer Karte im Plotter befinden soll. Doch an der Stelle, wo wir eigentlich Stege erwarten, herrscht geisterhafte Leere. Kann sich eine ganze Marina in Luft auflösen? War der Klabautermann am Werk oder haben wir zu viele Dieseldämpfe eingeatmet?

Also nochmal von vorne: Wir fahren zurück aus dem Hafenbecken, vorbei an der Bohrplattform, und finden zwischen zwei Flutschutztoren die Einfahrt in die brandneue Marina, die gerade erst eröffnet wurde und sich wohl deshalb noch nicht in der Karte befindet. Wir belohnen uns mit kühlem Bier und einem Sprung ins Hafenbecken, bevor Martin zurück nach Deutschland fahren und Jonas als neues Crewmitglied für die letzte Etappe nach Bremerhaven an Bord kommen wird.

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Von Fehmarn nach Göteborg

Drei Wochen, ein Ziel: Luna von Orth auf Fehmarn nach Bremerhaven überführen. Mit diesem Vorhaben begann im August 2019 unser erster großer Törn mit Luna. Die Route stand im Vorfeld noch nicht fest. Der schnellste Weg führte durch den Nord-Ostsee-Kanal, doch wir liebäugelten mit der großen Runde durch das Skagerrak oder der Abkürzung durch den Limfjord. Welche dieser Optionen wir am Ende wählen würden, machten wir abhängig von den vorherrschenden Wind- und Wetterbedingungen.

Als hätten wir es geahnt, machte uns der Wind schon vor dem ersten Ablegen einen Strich durch die Rechnung. Das für Samstagmittag geplante Ablegen mussten wir auf den Folgetag verschieben, denn es war Starkwind angesagt. Wir waren nicht traurig über die Verzögerung, denn so blieb uns mehr Zeit für Fischbrötchen. Beim Konzert am Hafenimbiss “Kap Orth” lernten wir unsere freundlichen Nachbarn kennen: Stefan und Vanessa hatte es mit ihrer “Ubonga” ebenfalls auf Orth eingeweht.

Am Sonntagabend hieß es für uns dann dann endlich „Leinen los“. Zu Dritt – neben Michael und mir war noch unsere Freundin Ange mit an Bord – setzten wir kurz nach dem Verlassen des Fehmarnsunds die Segel und fuhren Kurs Nord.

Luna segelt in den ersten Sonnenuntergang des Törns.

So verbrachten wir bei unserer ersten Fahrt auch gleichzeitig die erste Nacht auf See. Obwohl zwischendurch der Diesel unterstützen musste, waren die Nachtwachen sehr angenehm. Michael und ich wechselten uns im Drei-Stunden-Rhythmus ab und mussten uns im Grunde nur auf den regen Verkehr „Dicker Pötte“ im Fehmarnbelt sowie im Langelands Belt konzentrieren. Wir hielten jedoch immer ausreichend Abstand zu ihnen. Mit dem Morgengrauen gönnten wir dann dem Diesel endgültig seine Nachtruhe und segelten in den Sonnenaufgang.

Im Laufe des Vormittags legten Wind uns Seegang wieder zu. Es folgte die erste Lehre unserer Tour: auf ausreichend Schlaf bei Nachtfahrten achten. Ich hatte mich nach meiner zweiten Wache, die um sieben endete, nicht nochmal hingelegt. Es stellte sich Müdigkeit ein, die in Kombination mit dem stärker werdenden Seegang erste Symptome der Seekrankheit zutage förderte. Michael erging es wenig besser. Glücklicherweise hatte Ange die Nacht über mehr geschlafen und steuerte uns nun mit Bravour durch den Großen Belt. Am Montagnachmittag schließlich machten wir in Ballen auf der Insel Samsø fest. Es folgte, was folgen musste: dänisches Softeis am Sandstrand. Am Abend ließen wir bei Wein die erste Fahrt Revue passieren und verabschiedeten uns früh in die Kojen.

Wir segeln mit Luna durch den Offshore-Windpark Anholt

Die folgenden Tage folgten einem festen Muster: nach dem Aufstehen begaben wir uns rasch auf den Weg zum nächsten Zwischenziel. Bei hervorragenden Bedingungen machte Luna gut Strecke, sodass wir binnen drei Tagen via Grenaa und Anholt nach Schweden segeln konnten. Unterwegs beeindruckte uns nicht nur die Fahrt zwischen den zahlreichen Windrädern des Offshore-Windparks Anholt, sondern vor allem auch die mitten im Kattegat liegende Insel selbst mit ihrem Sandstrand und ihrem klaren Wasser.

Am Donnerstagnachmittag schließlich erreichten wir Schweden. Wir wollten die erste Nacht eigentlich direkt in den Schären festmachen. Aufgrund der schlechten Bedingungen entschieden wir dann doch doch lieber einen Hafen aufzusuchen. Wir übernachteten in der Marina von Lerkil, wo wir einen kleinen Vorgeschmack auf die kommenden Tage in den schwedischen Schären bekamen. Am Freitagvormittag spazierten Michael und ich zunächst über die Felsen in der Nähe der Stadt. Ange versank derweil im Cockpit in ein Buch. Nachdem wir dann gegen Mittag unsere Liegegebühr entrichtet hatten, verließen wir Lerkil.

Schärenlandschaft in Lerkil

Durch die wunderschöne Schärenlandschaft setzten wir die Fahrt gen Göteborg fort. Die Bedingungen waren gut, wir musste lediglich die Fock setzten. Am Nachmittag erreichten wir schließlich das erste Zwischenziel unserer Reise: Göteborg. Wir machten im „Royal Gothenburg Yacht Club“ fest, der uns für die kommenden Tage Unterkunft bot. Neben einem Wechsel in der Crew – Ange musste zurück nach Deutschland, Franzi und Martin sollten neu an Bord kommen – standen einige Arbeiten am Boot an.

Luna liegt sicher im „Royal Gothenburg Yacht Club“