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Von Göteborg nach Esbjerg

Die zweite Etappe unserer Jungfernfahrt mit Luna führte uns durch malerische Schären, über das stürmische Kattegatt und durch einen verschlafenen Fjord. Ein Abenteuer mit Flaute, Starkwind, Nebel und sogar einem Feuerlöschereinsatz – da soll noch einer sagen, das Segeln sei ein Altherrensport! Keine Sorge: Der Feuerlöscher hat funktioniert und wir sind gut angekommen.

Doch der Reihe nach: Nachdem wir uns in Göteborg schweren Herzens von unserer Freundin Ange verabschiedet haben, bleibt uns bis zur Ankunft unserer neuen Gäste noch etwas Zeit. Wir nutzen sie für Sightseeing in der Stadt und zum Abarbeiten unserer To-Do-Liste. Außerdem genießen wir die Vorzüge des royalen schwedischen Yachtclubs. Denn wie es sich für einen königlichen Segelverein gehört, gibt es dort natürlich eine Sauna, und die steht auch Gästen offen.

Der Aufguss auf Luna verläuft dagegen weniger erfreulich. Ein Punkt auf unserer To-Do-Liste ist nämlich die Reparatur unseres Petroleumkochers der Marke Optimus, den wir von Lunas Voreignerinnen übernommen haben. Die Bedienung ist eine kleine Wissenschaft für sich. Zuerst baut man mit einer Handpumpe in einem Petroleumtank einen Überdruck auf. Bevor man das Petroleum entzünden kann, muss man den Brenner mit Spiritus vorheizen, wobei es auf das richtige Timing ankommt.

In der ersten Woche hat das Ganze noch leidlich geklappt, doch dann will einer der beiden Brenner seinem Namen partout nicht gerecht werden. Stattdessen beglückt er uns mit qualmendem Eau-de-Petroleum. So können wir nur eine der beiden Flammen benutzen.

Doch wer will sich schon zwei Wochen lang von One-Pot-Pasta ernähren? Also versuchen wir uns an der Reparatur. Die gute Nachricht: Es brennt. Die schlechte: Das Feuer kommt nicht aus dem Brenner, sondern aus dem Kocher selbst. An einer undichten Verbindung lodert eine kleine, qualmende Petroleumflame. Um Schlimmeres zu verhindern, entschließen wir uns zum beherzten Einsatz unseres CO2-Feuerlöschers. Glück gehabt: Außer dem Herd geht nichts kaputt, niemand ist verletzt. Aber unsere To-Do-Liste ist schon wieder länger geworden:

  • Neuen Herd auftreiben
  • Herausfinden, was „Guten Tag, führen Sie auch CO2-Feuerlöscher in Ihrem Sortiment?“ auf Schwedisch heißt.

Dank der Hilfe unserer Freunde Franzi und Martin, die in Göteborg neu an Bord kommen, meistern wir auch diese Herausforderungen schnell. Unser Feuerlöscher kann jetzt schwedisch und auf dem Rest der Reise wird uns ein Spirituskocher für den Campingbedarf gute Dienste leisten. Mit einiger Verspätung können wir dann am Dienstag endlich die Leinen loswerfen – und werden mit traumhaftem Schärensegeln belohnt. Vorbei an Fähren und diversen Maersk-Frachtern machen wir uns auf den Weg nach Norden.

Die Schären sind tausende kleiner Felsinseln, die Schweden diversen Eiszeiten zu verdanken hat. Die Gegend ist ein Paradies für Segler, denn zwischen den kargen Felsen kann man unzählige Fahrwasser, einsame Buchten und wunderschöne Naturhäfen entdecken. Und so gleiten wir mit Luna durch enge Kanäle nach Norden bis ins Seglermekka Marstrand, einer hübschen Kleinstadt mitten in den Schären. Dort klettern wir auf Felsen, besichtigten eine alte Festung und lassen uns mit schwedischen Waffeln verköstigen. Bullerbü lässt grüßen.

Ein typisches Schärenfahrwasser. Echte Schweden wären hier gesegelt.

Doch schon am nächsten Tag ist es mit dem Urlaubsfeeling vorbei. Der Wetterbericht meldet weiter Westwind. Nur für einen Tag soll der Wind kurz auf Süd-Südwest drehen. Wir wollen das Zeitfenster nutzen, um den Sprung zurück über das Kattegat nach Skagen zu wagen. Dazu müssen wir mit Luna hart an den Wind. Zudem hat sich eine ansehnliche Welle aufgebaut. Was an eine alte Seglerweisheit erinnert: Gentlemen segeln nicht gegen den Wind.

Besonders steile Wellen quittiert die Schiffsglocke mit einem „Kling“. Sie läutet oft an diesem Tag.

Statt eines Smokings sind für uns dann auch eher Ölzeug und Südwester angesagt, und das Segelsetzen auf dem Vorschiff fühlt sich wie ein Besuch im Trampolinpark an. Mit der Welle geht es steil nach oben, dann folgt ein Sekundenbruchteil der Schwerelosigkeit. Anschließend kracht der Bug so tief ins Wasser, dass man darin die erschreckten Quallen zählen kann. Besonders steile Wellen quittiert die Schiffsglocke mit einem „Kling“. Sie läutet oft an diesem Tag.

Meile für Meile arbeiteten wir uns durch die Schären auf die offene See, kämpfen um jedes Grad an Höhe. Luna nimmt die Sache gelassen, aber Teile der Crew verfallen in Lethargie, wollen nicht einmal einen Cracker essen. Gerade, als wir uns fragen, ob wir die einzigen Verrückten sind, die sich bei diesem Wetter aus dem Hafen trauen, werden wir von einem kleinen Motorboot überholt, das noch stärker durchgeschüttelt wird als wir. Immerhin: Die haben es schnell hinter sich.

Wir kämpfen uns weiter nach Westen vor – und schaffen es direkt nach Skagen, ohne eine einzige Wende fahren zu müssen. Nach einigen Ehrenrunden auf der Suche nach einem Liegeplatz machten wir in der Nähe der Tankstelle fest. Endlich geschafft!

Der Hafen von Skagen: Es riecht nach Fisch.

An Skagen scheiden sich die Geister: Kritiker behaupten, die Stadt sei hässlich und stinke nach Fisch. Wir sind dagegen große Fans, weil Skagen eben ein echter Hafen ist – mit lärmenden Werften, ehrlichen Fischbrötchen und fragwürdigen Spielunken. Und jeder Menge betrunkener Norweger, die bis tief in die Nacht feiern. Uns stört es nicht: Wir fallen nach der langen Überfahrt in einen tiefen Schlaf.

Beim Frühstück steht eine schwierige Entscheidung an: Wollen wir an unserem ursprünglichen Plan festhalten, durch das Skagerrak auf die Nordsee zu segeln – oder nehmen wir doch die einfachere Route durch den Limfjord? Wir entscheiden uns für die zweite Option.

Das liegt nicht nur am Wetterbericht und dem Seegang, sondern auch an unseren Plänen. Denn natürlich sind wir später dran als geplant und zudem müssen wir Franzi spätestens am Montag in einer Stadt absetzen, von der sie die Heimfahrt nach München antreten kann. Mit dem Segelboot an einem bestimmten Tag an einem bestimmten Ort sein zu müssen ist selten ein glückliches Vorhaben.

Leuchtturm von Skagen
Der Leuchtturm von Skagen, genannt “Det Grå Fyr”.

Doch die Abfahrt schieben wir erstmal auf. Weil der Wind weiter kräftig pfeift, spazieren wir zum Grenen – das ist der nördlichste Punkt Dänemarks, wo Nord- und Ostsee aufeinandertreffen. Heute sieht das aus wie bei „King Kong gegen Godzilla“ – kaum zu glauben, dass wir gestern nur einige Seemeilen entfernt vorbeigefahren sind.

Wir warten also lieber noch ein bisschen, bis sich das Wetter beruhigt hat. Am Nachmittag brechen wir dann für einen kurzen Schlag unter Landabdeckung nach Süden bis nach Saeby auf. Dabei mogeln wir uns an dutzenden Tankschiffen vorbei, die vor Skagen auf Reede liegen. Der Wind schwächt sich zunehmend ab, dazu gibt es einen malerischen Sonnenuntergang. Für Franzi und Martin wird es die erste Ansteuerung bei Nacht – und beide meistern das Abenteuer vorbildlich.

Leider bleibt uns kaum Zeit, um den Hafen und das kleine Örtchen zu erkunden, denn wir müssen frühmorgens schon wieder los. Der Wetterbericht meldet Flaute und Nebel, und tatsächlich dauert es nicht lange, bis Luna von einem grauen Schleier verhüllt wird. Noch eine Premiere für Franzi und Martin.

Wer schonmal im Herbst auf einer Landstraße gefahren ist, kennt das Problem: Bei richtig dicker Suppe erkennt man kaum noch den nächsten Pfosten am Straßenrand. Mit einem Schiff auf offener See ist die Sache noch ein bisschen schwieriger, denn eine Straße gibt es hier nicht – was bedeutet, dass einem aus jeder Richtung Schiffe entgegenkommen können.

Für uns heißt das: Showtime. Wir fahren nach Radar, mit dem sich andere Schiffe und Seezeichen ausmachen lassen – vorausgesetzt, man dreht an den richtigen Knöpfen. Der Rest der Crew hält Ausguck. Es dauert nicht lange, bis wir den ersten Kontakt identifizieren. Und tatsächlich gleitet kurz darauf das erste Segelboot in sicherer Entfernung an uns vorbei.

Der Spuk dauert nur einige Stunden, dann lichtet sich der Nebel so schnell, wie er gekommen ist. Am Mittag erreichen wir die Einfahrt in den Limfjord, eine natürliche Verbindung zwischen Ost- und Nordsee entlang der dänischen Insel Jütland.

Wer jetzt einen norwegischen Fjord mit spektakulären Felswänden erwartet, könnte enttäuscht werden. Der Limfjord wirkt eher wie ein verschlafener Fluss, der sich an Ackerland entlang durchs Land schlängelt. Links und rechts wird das Wasser so schnell flach, dass man – gute Gummistiefel vorausgesetzt – wohl auch zu Fuß gehen könnte. Wir bleiben lieber im Fahrwasser. Am Nachmittag passieren wir die Stadt Aalborg mit ihren beiden Klappbrücken, bevor wir im letzten Tageslicht in einer Bucht den Anker fallen lassen. Über uns leuchten die Sterne.

Flaute im Limfjord: Ein Hochdruckgebiet beschert uns spiegelglattes Wasser.

Am nächsten Tag müssen wir uns von Franzi verabschieden, die per Anhalter die Heimreise nach Süden antreten möchte. Gegen den Trennungsschmerz gibt es Softeis. Und während wir weiter in Schrittgeschwindigkeit durch den Fjord motoren, hat Franzi die deutsche Grenze dank freundlicher Dänen schon nach wenigen Stunden erreicht.

Wir legen dagegen eine Extraschicht ein. Wir wollen endlich wieder aufs Meer, doch der Limfjord zieht sich in scheinbar endlosen Kurven. Am Abend schaffen wir es mit der letzten Brückenöffnung bis an das Westende des Fjords. Die Nacht wollen wir in Lemvig verbringen, doch vorher steht eine Herausforderung an: Wie findet man in der Dunkelheit durch flaches Wasser in einen Hafen, den man nicht kennt?

Mit etwas Vorbereitung und einer guten Seekarte ist auch das kein Problem. Es macht sogar Spaß. Erschöpft, aber auch ein bisschen stolz, machen wir in Lemvig fest.

Am nächsten Tag geht es endlich hinaus auf die Nordsee, die sich von ihrer milden Seite zeigt: Statt Westwind ist eine leichte Brise angesagt, Mittags schläft der Wind dann ganz ein. Es ist ein typischer Augusttag mit bestem Badewetter, aber an Segeln ist nicht zu denken. Also muss wieder der Diesel ran.

Wenig Wind, kaum Welle: Die Nordsee zeigt sich vor Jütland gnädig.

Der Frust darüber hält sich in Grenzen. Wir genießen den Sonnenuntergang aus der ersten Reihe. Und als die Sonne ganz hinter dem Horizont verschwunden ist, geschieht etwas Magisches: Rund um Luna beginnt das Wasser, in grün-blauen Farben zu leuchten. Ja, es waren chemische Substanzen im Spiel – aber nicht an Bord von Luna, sondern im Wasser.

Die Lichtshow haben wir Dinoflagellaten zu verdanken. Das sind Einzeller, die sich an warmen Sommernächten auch in der Nordsee anhäufen. Auf Anregung reagieren sie mit einem grün-blauen Leuchten. Wie toll das aussieht, lässt sich unmöglich beschreiben, aber vielleicht ist das einer der schönsten Momente unserer Reise: Über uns Leuchten die Sterne, hinter uns ziehen wir eine kleine Leuchtspur durch das Wasser. Und kein anderes Boot weit und breit.

Weniger malerisch gestaltet sich die Ankunft in Esbjerg, einem Industriehafen im Südwesten von Jütland. An einer Bohrinsel vorbei, die offenbar gerade repariert wird, fahren wir in den Yachthafen – oder eher dorthin, wo sich der Yachthafen laut unserer Seekarte und unserer Karte im Plotter befinden soll. Doch an der Stelle, wo wir eigentlich Stege erwarten, herrscht geisterhafte Leere. Kann sich eine ganze Marina in Luft auflösen? War der Klabautermann am Werk oder haben wir zu viele Dieseldämpfe eingeatmet?

Also nochmal von vorne: Wir fahren zurück aus dem Hafenbecken, vorbei an der Bohrplattform, und finden zwischen zwei Flutschutztoren die Einfahrt in die brandneue Marina, die gerade erst eröffnet wurde und sich wohl deshalb noch nicht in der Karte befindet. Wir belohnen uns mit kühlem Bier und einem Sprung ins Hafenbecken, bevor Martin zurück nach Deutschland fahren und Jonas als neues Crewmitglied für die letzte Etappe nach Bremerhaven an Bord kommen wird.

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